Interview Innenstadt – Einzelhandel – Gastronomie – Verkehr

BIZ fordert Attraktivität durch mehr inhabergeführte Gastronomie- und Einzelhandelsbetriebe – Wirtschaftsfördernde Rahmenbedingungen

Der bekannte Koblenzer Journalist, Film- und Buchautor Harald Mertes im Gespräch mit Stadtrat Edgar Kühlenthal von der Bürgerinitiative Zukunft für Koblenz (BIZ)

Harald Mertes:

„Sie und die BIZ sind als Kritiker des Zentralplatzobjekts in Koblenz und –  man kann mittlerweile sagen bei ähnlich Betroffenen –  sogar in Deutschland ein Begriff! Der Zentralplatz ist praktisch fertig gebaut, hat sich der Auftrag der Bürgerinitiative Zukunft für Koblenz erledigt?“

Edgar Kühlenthal:

„(Lacht) Jetzt geht es gerade für uns erst richtig los! Weil wir nicht durch eine rosarote Brille blicken wie die Befürworter, sehen wir mit klaren Augen die Folgen dieses finanziellen und städtebaulichen Wahnsinns auf und um den Zentralplatz! Es wird unsere große Aufgabe sein, für die restliche Innenstadt Maßnahmen zum Erhalt und Wiedergewinnung alter Stärken im Einzelhandel und in der Gastronomie durchzusetzen.“

Harald Mertes:

„ Haben Sie Beispiele für diese Folgen?“

Edgar Kühlenthal:

„Die finanziellen Folgen für Haushalt und Verschuldung dieser maßlosen Investition von rund 100 Millionen Euro bei rund 4 Millionen jährlichen Betriebskosten und rund einer halben Million Reinigungskosten liegen auf der Hand und werden noch in Jahrzehnten spürbar sein. Ich will mich hier auf städtebauliche Aspekte konzentrieren.  Zunächst nenne ich das werktägliche Verkehrschaos. Ein schlüssiges Verkehrskonzept muss her, welches auf realistischen Berechnungen steht und nicht auf Wunschzahlen! Es war von Anfang an auch falsch, den immer schon verkehrsreichen Friedrich-Ebert-Ring mit mehreren Tausend PKWs zusätzlich am Tag zur einzigen wichtigen Achse von West nach Ost und umgekehrt zu machen. Auch städtebaulich ist das eine große Sünde wegen der Abtrennung südlich gelegener Innenstadtbereiche wie z.B. der Oberen Löhr.“

Ein weiteres Beispiel für die Folgen. Die Fußgängerströme in der Innenstadt haben sich bereits dramatisch auf das kurze Verbindungsstück zwischen  den 2 großen ECE Shopping Centern verlagert. Spricht man mit Geschäftsleuten aus dem Einzelhandel oder der Gastronomie in der Schlossstraße, im Entenpfuhl oder in der Altstadt, werden Frequenzeinbußen im 2-stelligen Bereich genannt. Selbst auf dem nördlichen Abschnitt der Löhrstraße zwischen Altlöhrtor und Vier Türme hört man von rückläufigen Zahlen. Als nächstes wird es zusätzliche Leerstände geben verbunden mit Verlust von Immobilienwerten.

Harald Mertes:

„Kann man diese Entwicklung aufhalten?“

Edgar Kühlenthal:

„Es gibt kein Patentrezept. Viele Einzelmaßnahmen sind notwendig. Zunächst ist es für uns ganz wichtig  dafür zu sorgen, dass Politik und Verwaltung mit der Selbstgefälligkeit aufhören und diese Entwicklungen überhaupt zur Kenntnis nehmen, bevor nichts mehr umzukehren ist.

Wir werden also ohne Unterlass und nachdrücklich auf diese Entwicklungen aufmerksam machen. Nur so gewinnen wir ausreichend politische Unterstützung zur Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen. Die lokalen Medien spielen dabei eine große Rolle und können dabei helfen.“

Harald Mertes:

„Haben Sie konkrete Vorschläge?“

Edgar Kühlenthal:

„Ein Vorschlag der BIZ zur Stärkung und Wiedererlangung der Frequenz an anderen Stellen der Innenstadt weg vom Zentralplatz ist die seit 2010 von uns geforderte Platzierung des Wochenmarkts oder weiterer Märkte an entsprechenden anderen Stellen in der Innenstadt, konkret des Wochenmarkts auf den großen Platz am Löhrrondell am westlichen Beginn der Schlossstraße. Durch Ausweitung auf den Platz vor der Herz-Jesu-Kirche, auf die weitere östliche Schlossstraße und der nördlichen Bahnhofstraße ergibt sich ein großes Potential auch für die Zukunft. Bekanntlich funktioniert der aktuelle Wochenmarkt nicht. Der von der Mehrheit des Stadtrats gewollte jetzige Standort auf dem Zentralplatz wird von Betreibern und Kunden gleichermaßen abgelehnt. Die Platzierung wie von der BIZ vorgeschlagen, wäre für alle und damit für Koblenz ein Gewinn!

Weitere Vorschläge beziehen sich auf die Verbesserung der Verkehrsflüsse in der Innenstadt für Fußgänger, Radfahrer und PKWs,  der Erreichbarkeit von  Koblenz als Oberzentrum nicht nur durch den ÖPNV sondern auch durch PKWs. Wir müssen ein unverkrampftes Willkommensverhältnis zu den wichtigen PKW Kunden aus dem Umland aufbauen. Koblenz hat ein gutes und ausreichendes Parkplatzangebot. Es muss entsprechend vermarktet werden.“

Harald Mertes:

„Wie stehen Sie und Ihre politische Heimat die BIZ  in diesem Kontext zur Grünen Wiese?“

Edgar Kühlenthal:

„In der ständigen politischen Arbeit tut die BIZ alles dafür, dass der Abzug von innenstadtrelevanten Einzelhandelsumsätzen aus der Innenstadt an die Peripherie oder auf die Grüne Wiese verhindert wird. Betroffen in Größenordnungen von Millionenumsätzen, die damit die Innenstadt an die Grüne Wiese  verloren hat, waren in der jüngeren Vergangenheit der Lebensmitteleinzelhandel und der Einzelhandel mit Einrichtungsgegenständen, Wohnausstattung, Geschirr und Haushaltsgegenständen. Wie sagte der scheidende Geschäftsführer  des Einzelhandelsverbandes Winfried Röther dieser Tage so treffend: „Ich kann nach wie vor die Kommunalpolitiker nicht verstehen, die unterstützen, dass innenstadtrelevanter Handel auf die Grüne Wiese kommt!“

Die BIZ hat mit Blick auf den harten Wettbewerb zwischen der Innenstadt und der Grünen Wiese  bei Beratungen und Beschlüssen über die Gebühren für Sondernutzungen des  innerstädtischen Einzelhandels und der Gastronomie entscheidend und mit Erfolg für eine nur gering belastende Anpassung gekämpft. Aus demselben Grund haben wir für praktikable und wenig belastende Regelungen bei der neuen Gestaltungssatzung gesorgt. 

Aus denselben Überlegungen waren wir gegen jegliche  Erhöhung der Grundsteuer B. Sie belastet im Vergleich zu der uns umgebenden Grünen Wiese innerstädtische Grundtücke und damit direkt oder indirekt über nachfolgende Erhöhungen der Mieten bzw. Nebenkosten die

Flächen des innerstädtischen Einzelhandels und der Gastronomie!

In diesem Zusammenhang ist auch unser grundsätzlicher Widerstand von Anfang an gegen die Einführung einer Bettensteuer zu erwähnen. Bekanntlich war unsere Position richtig und angemessen. Das Bundesverwaltungsgericht hat gegen sie entschieden.

Harald Mertes:

„In der Stadtratssitzung vom 29.11.2013 haben Sie über die Entwicklung des Koblenzer innerstädtischen Einzelhandels und die Folgen des Zentralplatzobjekts gesprochen. Warum hat der Oberbürgermeister sie kritisiert?“

Edgar Kühlenthal:

Auf  die vielen belastbaren Zahlen und Fakten in meinem Vortrag hat der OB mit einer Pauschalkritik reagiert. Hans-Jörg Assenmacher nannte diese Reaktion in einem Leserbrief Reflexverhalten beim Thema Zentralplatz. Anstelle der unangebrachten Reaktionen ist es für das Wohlergehen der Stadt Koblenz viel nützlicher, wenn er die dargelegten Tatsachen und Entwicklungen zur Kenntnis nimmt und sein zukünftiges Handeln danach ausrichtet.  

Harald Mertes:

„Können Sie Kernaussagen Ihrer Rede im Stadtrat für unsere Leser nochmals wiederholen?“

Edgar Kühlenthal:

„Gerne, vieles davon ist ja  mein Glaubensbekenntnis nach Jahrzehnten als aktiver und in vielen berufständischen Ehrenämtern engagierter Einzelhändler dieser Stadt.

Funktionierender Einzelhandel zieht Gastronomie nach sich. Gemeinsam bilden sie die wesentliche Grundlage für eine lebendige Innenstadt. Sie sind gleichzeitig der Garant für viele Arbeits- und Ausbildungsplätze und für die Werthaltigkeit der innerstädtischen Immobilien.

Koblenz verdankt seinen Ruf und seine Ausstrahlung als attraktive Einkaufsstadt und Einzelhandelsstandort in der Region ganz besonders der Vielfalt seines Einzelhandels. Zur Vielfalt gehören an erster Stelle zahlreiche inhabergeführte Einzelhandelsbetriebe mit hohem Bekanntheitsgrad und langer Tradition,  ebenso natürlich in gesunder Beimischung  überregionale Filialketten und Großbetriebe.

Mit der Ansiedlung eines zweiten großen innerstädtischen Einkaufscenters ist die zentrale stationäre Einzelhandelsverkaufsfläche in der Innenstadt von Koblenz zu rund 50% mit der Vertriebsform “ECE Einkaufscenter“ besetzt. Der Anteil überregionaler teilweise globaler Filialisten nähert sich insgesamt  in der Innenstadt von Koblenz dem Wert von 80%. Im Vergleich dazu kommen andere attraktive Innenstädte ähnlicher  Größenordnung auf einen viel geringeren Wert. Städte mit einer gesunden und ausgewogenen Einzelhandelsstruktur liegen in der Gunst der Verbraucher eindeutig vorne.

Die in Koblenz bisher betriebene Ansiedlungspolitik ist vorzugsweise auf Großkonzerne  fixiert. Sie ist falsch und hat leider Millionen gekostet. Koblenz verspielt damit seine Vielfalt, Originalität und viele Chancen.“

Harald Mertes:

„Eine letzte Frage. Stichwort Chancen: Wo liegen in der Zukunft nach Ihrer Meinung die Chancen des innerstädtischen Einzelhandels in Koblenz?“

Edgar Kühlenthal:

„Wichtige Einflüsse auf das heutige und zukünftige Konsumverhalten und damit auf alle Segmente des Einzelhandels haben die Singlifizierung, die Ein-Kind-Familie und der Seniorenstaat. Die größte Rolle wird dabei mit Unterstützung des ständigen gesundheitlichen Fortschritts die derzeit noch einzig wachsende Konsumentengruppe spielen: die neuen, jung gebliebenen Alten mit ihrem hohen verfügbaren Hauhaltseinkommen als so genannte Best Buyer. ‚Geiz ist geil’ wird verdrängt durch nachhaltige Konsumoptionen. Young Fashion Konzepte mit wenig Personal und Selbstbedienung – das  neue Mittelrheinforum am Zentralplatz bekennt sich ausdrücklich zum Begriff Young Fashion! – sind dabei eindeutig auf dem Rückzug. Best Buyer wollen nicht Masse sondern achten auf Qualität in jeder Hinsicht. Auf diese Chance sollte die Politik der Zukunft für die Innenstadt ausgerichtet sein.

 

Zur Person: (zum Kandidatensteckbrief)

Edgar Kühlenthal hat in der 3.Generation 1975 ein Modeeinzelhandelshaus in der Innenstadt von Koblenz übernommen. Unter seiner Führung kamen in Koblenz ein Herrenausstatter und in Neuwied ein weiteres  Modeeinzelhandelshaus hinzu. Im Jahr 20011 hat Kühlenthal sein Unternehmen an Nachfolger verkauft.

Viele Jahre war er  im Vorstand und Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes der Stadt Koblenz. In der Vollversammlung der Industire- und Handelskammer zu Koblenz war er in 3 Wahlperioden Vertreter des Einzelhandels in der Vollversammlung und wurde zum Vorsitzenden des wichtigen Handelsausschusses der Industrie- und Handelskammer gewählt.

Im Rahmen des Zielabweichungsverfahren zur Genehmigung des FOC Montabaur hat er spektakulär gegen das befürwortende Votum der IHK  Koblenz unter dem damaligen Hautgeschäftsführer Hans-Jürgen Podzun gekämpft und in einer eigens einberufenen Sondersitzung eine einstimmige Ablehnung des Handelsauschusses gegen die offizielle Position der IHK erreicht.

Er gehörte 2009 zu den Gründern der Bürgerinitiative Zukunft für Koblenz e.V. (BIZ). Bei der Kommunalwahl im Juni 2009 erreichte die BIZ 10% der abgegebenen Stimmen. Diplom-Kaufmann Edgar Kühlenthal ist Mitglied der Stadtratsfraktion der BIZ. Unter anderem ist er zuständig für Fragen der Wirtschaft und des Verkehrs.